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Kurz vor Muttertag klingelten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Kindergartens an den Häusern und Wohnungen unserer Kindergartenkinder und brachten Muttertagsgeschenke vorbei.* Auch mein Sohn Josia, der für einen Jungen als Kindergarten-Assistent angestellt ist, besuchte ein Kind. Er hatte diesen kleinen Jungen bewusst zugeteilt bekommen, weil dieser sehr an meinem Sohn hängt und es klar war, dass er sich sehr über den Besuch freuen würde, zumal er an diesem Tag Geburtstag hatte. So war es dann auch. Der kleine Leon** war restlos begeistert. Als Josia von dem Besuch erzählte, sagte er, Klein-Leon hätte seinen, Josias Namen ein ums andere Mal gesagt. Immer und immer wieder: „Josia? Josia? Josia?“ Da er das im Kindergarten auch schon häufig gemacht hatte, war es nichts Neues – diesmal nur noch öfter, weil er Josia so lange nicht gesehen hatte. Ich habe genau seine wirklich süße Kinderstimme im Ohr und sehe dabei seinen erwartungsvoll nach hinten gelegten Kopf um den großen Josia anzusehen und seine Augen, fest auf Josias Gesicht geheftet: „Josia? Josia? Josia?“

Diese Situation erinnert mich daran, dass Josia mit 2 Jahren am Tisch saß und immer wieder fragte: „Mama?“ Ich antwortete: „Ja, mein Schatz?“ und er wiederholte „Mama?“ Und ich: „Ja, Schatz, was ist?“, nur um wieder zu hören „Mama?“ Ich antwortete ihm ein ums andere Mal geduldig und liebevoll und er fragte immer wieder „Mama?“

Schon damals hat es mich berührt, wie sehr ein Kind es braucht, sich immer wieder zu versichern, dass seine Bezugsperson da ist – nicht nur körperlich anwesend, sondern explizit auf das Kind reagiert. Ich habe mir damals selbst versprochen, dass die Ansprache meiner Kinder an mich nie ungehört bleiben soll.
Heute weiß ich noch viel mehr darüber, wie unser Gehirn „tickt“, wie sehr ein Mensch, vor allem ein Kind (je kleiner desto mehr) auf Resonanz angewiesen ist. Wir Menschen sind für Resonanz geschaffen. Wir brauchen es zutiefst, dass ein anderer Mensch uns antwortet. In unserem Gehirn befindet sich ein Netzwerk von sogenannten Spielgelneuronen. Sie sind unter anderem dazu da, dass kleine Kinder ihre erwachsenen Bezugspersonen beobachten und nachahmen können. Schon Säuglinge „lesen“ die Mimik der Bezugsperson und nehmen Verhalten, aber auch Emotionen wahr, woraufhin Verhalten und Emotionen des Erwachsenen sich in Verhalten und Emotionen des Kindes spiegeln. Das Nervensystem eines Säuglings und Kleinkindes und zu Anfang vor allem das Nervensystem der Mutter sind so geschaffen, dass sie sich gegenseitig spiegeln – ein stetiges gegenseitiges Mitteilen von Blicken, Emotionen, Verhalten.

Es ist von immenser Wichtigkeit, dass unsere Kinder erfahren, dass wir ihnen antworten – auch ihren nonverbalen Signalen. Ein Kind, das wirklich Hilfe braucht, weil ihm so etwas Schlimmes wie z.B. sexueller Missbrauch geschieht, wird einen Erwachsenen aus Scham- oder Schuldgefühlen häufig gar nicht ansprechen. Doch wenn es jemanden anspricht, braucht es nachgewiesenermaßen mehrere Anläufe, ehe es gehört und ernst genommen wird. Ein Kind, dem zahllose Male geduldig und freundlich durch seine Bezugspersonen geantwortet wird, wenn es einfach nur „Mama?“ oder „Josia?“ sagt, kann eine Sicherheit entwickeln, durch die es weiß: „Ich bin es wert, gehört zu werden.“

* Muttertag lag in der Corona-Krise, in der die Kinder nicht in den Kindergarten kommen durften.
** Name geändert

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