Bitte Ruhe bewahren – oder der Preis des “Meckerns”

Der Frühstückstisch im Kindergarten war voll besetzt. Die Kinder aßen, tranken, schmatzten und schmierten. Die 4-jährige Elif* löffelte ihren Mini-Joghurt. Sie steckte den Löffel in den zu einem Drittel gegessenen Joghurt und beugte sich zu dem Kind neben sich, um ihm etwas zu sagen. Natürlich ließ sie den Löffel dabei los – und das Gewicht des Löffels brachte den kleinen Joghurt zum Erliegen – im wahrsten Sinne des Wortes. Man glaubt nicht, wieviel Masse an Joghurt in diesen 25 g enthalten sind. Der Joghurt, durch die Wärme des Tages schon nicht mehr so fest wie im Kühlschrank, entschloss sich, auf seiner unverhofften Reise durch die Welt, nichts auszulassen. Er ergoss sich über den Tisch, Elifs Kleid, ihren Stuhl, lief das Tischbein hinunter und landete auf dem Boden. Ich lehnte an der KÜchenzeile und sah mir die Sauerei an. Auch Elif schaute, welche Wege ihr Joghurt, statt in ihren Mund, nun genommen hatte. Ihr Kopf war gesenkt bei dieser Betrachtung. Und dann, langsam, hob sie den Kopf, erforschte mein Gesicht, ihr Blick fragend, verunsichert, vielleicht leicht ängstlich, denn sie kannte mich noch nicht lange. Wird Claudia schimpfen?

Die Zeit, die zwischen dem Umfallen des Joghurts und Elifs Blick in mein Gesicht vergangen war, betrug ungefähr 10 Sekunden. Lange genug für mich, um eine Entscheidung zu treffen.
Das Mädchen hatte ohne Absicht gehandelt. Das Missgeschick war einfach passiert. Natürlich steht es außer Frage, dass sie lernen kann, das Gewicht eines Löffels in Bezug auf einen Mini-Joghurt einzuschätzen. Doch dass sie das zu diesem Zeitpunkt nicht konnte, dafür trägt sie keinerlei Verantwortung. Wie oft fahren wir Kinder in solchen und ähnlichen Situationen entnervt an: “Jetzt pass doch auf! Jetzt guck dir mal die Schweinerei an! Was hast du da wieder gemacht!” Ja, was hatte Elif tatsächlich gemacht? Was war ihr Fehler? Woran trägt sie die Schuld? Schuld – was für ein großes Wort für einen umgekippten Joghurt. Doch Kinder fühlen sich schnell schuldig für Dinge, die sie nicht zu verantworten haben. Für den Streit ihrer Eltern. Für einen Unfall oder eine Krankheit eines geliebten Menschen. Für den Missbrauch, der an ihnen geschieht.

Ich sprach vor Jahren mit einer 76 Jahre alten Frau. Sie hatte mit 16 Jahren während des Krieges auf einem Bauernhof gearbeitet, um ein wenig Essen zu bekommen. Der Bauer missbrauchte sie. Sie hat nie gewagt, sich zu wehren, denn sie wollte arbeiten, damit sie etwas zu essen hatte. 60 Jahre später erzählte sie davon. Ich sagte ihr, dass es nicht ihre Schuld war. Sie weinte sehr und erklärte mir unter Tränen, dass ihr das noch nie jemand gesagt hätte. Sie dachte seit 60 Jahren, es wäre ihre Schuld gewesen.

Zurück zu dem Joghurt – der natürlich nichts mit so schrecklichen Dingen wie sexueller Missbrauch zu tun hat – oder doch?
Ich traf also eine Entscheidung. Elifs unsicher fragender Blick sollte in meinem Gesichts nichts finden außer Gelassenheit und unverminderte Freundlichkeit. “Hey, das ist kein Problem. Das passiert schonmal.”, erklärte ich ihr – und bat sie ruhig, sich einen Lappen zu holen, nahm selber einen, und ohne Aufhebens begannen wir gemeinsam, den Joghurt aufzuwischen.

* der Name wurde geändert

4 Kommentare.

  • Hi Claudia , Regina aus Wunstorf schickte mir deinen post und ich finde es treffend + gut , wie du eine Situation im alltäglichen Leben zurückführst auf sehr ernste backgrounds in unserem Leben – ich ermutige dich ausdrücklich, weiter posts/blogs zu verfassen – da steckt echt eine Begabung in dir – … das schreibt dir Ingo Möhle – der dir mal als “Zivi” auf Innere oben (Onkologie) in der Kinder-Uni-Klinik und in der Gemeinde begegnet ist – 1992 – liebe Grüße auch an Patrick !

    • Hi Ingo, das ist ja voll lieb von dir, danke sehr!!! : ) Ich erinnere mich sehr gut an dich. : ) Danke für diesen tollen Kommentar!

  • Hallo Claudia!
    Ja, es gibt viele Situationen im Kitaalltag wie Du sie oben beschrieben hast. Wie oft ist nicht schon ein Teller während des Mittagessens einem Kind aus der Hand gerutscht und in tausend Stücke zersprungen. Das erste was auffällt, ist der Ausdruck im Gesicht des Kindes. Man ‘sieht’ förmlich, wie Scham und Schuld sich wie eine Wolke auf das Kind niederlassen wollen. Ich kann mich gut an eine ähnlich Situation in meiner Kindheit erinnern, wo ich einfach mal so den Boden eines hängenden Vogelkäfigs öffnete…der ganze Vogelsand landete auf dem Fußboden verstreut. Während die Nachbarin, bei der ich gerne und oft zu Besuch war, den Sand schweigend auffegte, stand ich da wie bedröppelt und fühlte mich so beschämt.
    Hoffen wir, dass wir weiser reagieren…manchmal kann man so etwas auch einfach mit dem Kind zusammen ‘weg lachen’.

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