Ich weiß was, was du nicht weisst…

Wieder einmal möchte ich euch in eine Alltagssituation mit Kindern hineinnehmen.
Ich spielte mit zwei dreijährigen Jungen das Spiel Lotti-Karotti – ein beliebtes Spiel unter Kindergartenkindern. Beide Jungen sind intellektuell, sprachlich, motorisch und sozial überdurchschnittlich weit entwickelt. Die beiden hatten das Spiel von sich aus vorgeschlagen. Sie holten das Spiel und bauten es auf. Währenddessen machten ihre begleitende Unterhaltung untereinander, ihre Entschlossenheit eine Spielfigur in ein Loch fallen zu lassen und ihre routinierten Bewegungen deutlich, dass sie das Spiel gut kennen. Wir begannen zu spielen. Reihum zog jeder eine Karte und setzte seine Spielfigur entsprechend der unten auf der Karte gezeigten Kartoffeln – eine, zwei oder drei Kartoffeln. Konstantin war der „Wortführer“ bei dem Spiel und erinnerte Gabriel immer wieder, dass er dran sei, eine Karte ziehen und wie viele Felder er vorwärts gehen solle. So ging das Spiel seinen Gang. Plötzlich fragte Gabriel mich: „Woher weiß Konstantin, wieviel er zählen muss?“
Mir wurde sofort klar, dass Gabriel während des Spiels brav alles befolgt hatte, was Konstantin ihm gesagt hatte. Er wusste auch, worum es ging, doch es war offensichtlich, dass er die Regel „Setze deine Spielfigur so viele Felder vor, wie Kartoffeln auf der Karte zu sehen sind.“ schlicht nicht kannte. Sowohl Konstantin als auch ich hatten diese Kenntnis jedoch als völlig selbstverständlich vorausgesetzt. Und auch Gabriel hatte keinerlei Unsicherheit gezeigt oder irgendwie signalisiert, dass er das Spiel zumindest teilweise nicht verstanden hatte.

Diese Situation halte ich für sehr bedeutend. Immer wieder beobachte ich „im Vorbeigehen” Eltern, die mit ihren Kindern sprechen oder etwas von ihnen wollen und wie selbstverständlich voraussetzen, dass diese verstehen, worum es geht, was gemeint und was zu tun ist. Feine Signale zeigen, dass sie es nicht wissen, doch die Eltern bemerken es in den von mir beobachteten Situationen nicht. Dies ist selten ihre Absicht, sondern die Abläufe oder Hektik des Alltags verhindern ein genaueres Hinsehen oder Hinhören. Kinder sind sehr anpassungsfähig und können oft sehr gut raten. Auch wenn sie nicht genau wissen, was ihre Eltern gerade von ihnen möchten, schaffen sie es, sich so zu verhalten, dass ihre Verständnislosigkeit nicht auffällt.

Für unseren Umgang mit den uns anvertrauen Kindern ist es wichtig, dass wir uns zwei Dinge bewusst machen: Erstens, Kinder sehen und erleben vieles häufig völlig anders als wir Erwachsene, während wir ohne es zu wissen mit ihnen so umgehen, als ob sie die Dinge genauso verstehen würden wie wir.
Zweitens, wir sollten uns bewusst überlegen: Was sollen unsere Kinder verstehen? Was ist uns wichtig? Welche Informationen? Welche Werte? Welche Zusammenhänge? Welche Regeln in unserem Alltag, unseren Familien? Und dann sollten wir mit unseren Kindern immer wieder darüber sprechen. Denn Wiederholung stabilisiert.

Kinder erleben Scham und Schuld aufgrund von Unkenntnis. Sie bitten NICHT um nötige Hilfe aufgrund von Unkenntnis. Sie glauben, geliebte Menschen werden krank oder trennen sich aufgrund ihres Fehlverhaltens. Sie glauben, sie werden missbraucht, weil sie etwas falsch gemacht oder den Täter auf irgendeine Weise dazu ermutigt haben.
Wir leben in einer Welt voller Sexualität, und sehr viele Kinder lernen (viel zu früh), sich an sexualisiertes Verhalten und sexualisierte Sprache anzupassen, ohne fundierte, geschweige denn werteorientiere Kenntnis über Sexualität. Dies sind tragische, leider aber alltägliche Beispiele.

Ich wünsche uns, dass wir die Situationen erkennen, in denen unsere Kinder unbedingt etwas Wichtiges wissen sollten, es aber nicht wissen. Ich wünsche uns, dass wir in diesem Fall so kommunizieren können, dass keine Beschämung, Schuld oder Angst entsteht, sondern Sicherheit und innere Freiheit für Entscheidungen und Handlungen.

1 Kommentar.

  • Ingo Möhle
    26. August 2020 16:47

    … wieder ein sehr interessanter Artikel von dir, der treffend verdeutkicht, wie Kinder so “ticken” …speziell der Verweis auf die hohe Anpassungsfähigkeit von Kindern ist gut – versetzt man sich so als Erwachsener wieder ein Stück in die eigene Kindheit, wie man selbst als Kind “funktioniert” hat ….

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