Vor ein paar Tagen kam ein neues Kind in die Kita.
Das kleine Mädchen wirkte neugierig, nicht ängstlich, offen für Neues. Es spricht kein Wort Deutsch. Die Mutter erklärte ihrer Tochter, sie würde mit der Kita-Leitung ins Büro gehen, um den Vertrag zu unterschreiben. Das Mädchen schien das zu akzeptieren und die Mutter ging hinaus.
Das Mädchen begann zusammen mit einem anderen Kind die Kita zu erkunden – ungefähr 5 Minuten lang. Danach begann sie laut und völlig haltlos zu weinen. Sie lief zur Tür und weinte „Mama? Mama?“ Da ich ohnehin fast schon auf dem Weg ins Büro war, sagte ich zu der Gruppenleiterin, ich würde sie mitnehmen. Sie lief eilig die Treppe hinunter – natürlich ohne zu wissen, wo sich das Büro befindet. Um dorthin zu gelangen, muss man die Eingangstür öffnen, an deren Klinke kein Kind herankommt, man muss über den Hof gehen, dann mit einem Schlüssel eine weitere Tür zu einem anderen Gebäude öffnen, um dann eine Treppe hoch zu gehen, die zu mehreren anderen Räumen führt, von denen einer das Büro ist. Während ich dem kleinen Mädchen zusah, wie sie so schnell es ihr möglich war die Treppe hinunterlief, unten die falsche Richtung einschlug und immer wieder mit zitternder Stimme fragte: „Mama? Mama?“, sah ich den nackten Tatsachen ins Auge: Dieses Kind hatte ohne einen Erwachsenen nicht die geringste Chance, seine Mama zu finden. Es kannte die Räumlichkeiten nicht, es kannte keinen einzigen Menschen, es sprach kein Wort Deutsch, es kam an keine Türklinke heran, es konnte noch nicht einmal die Kita verlassen. Das Mädchen war ohne einen Erwachsenen, der ihr den Weg zeigte, schlicht verloren und würde nie an ihr Ziel kommen.

Dieses Kind hatte keine Wahl. Es musste mir, einer Person, die es zuvor noch nie gesehen hatte, vertrauen, dass ich den Weg zu seiner Mama wusste und es sicher dorthin bringen würde.

Wieder einmal wurde mir die Größe, Faszination und Ernsthaftigkeit unserer Verantwortung im Umgang mit Kindern bewusst: Was machen wir aus dieser Tatsache, dass ein kleines Kind in seiner Entwicklung völlig darauf ausgerichtet ist, uns zu vertrauen? Dass es, ob wir wollen oder nicht, davon geprägt wird, auf welche Weise wir es ins Leben führen – sicher oder unsicher, orientiert oder desorientiert, stärkend oder schwächend, Vertrauen bildend oder Vertrauen zerbrechend. Das ist eine große Sache.

Dabei wird mir immer wieder bewusst, wie bedeutend es ist, wie wir mit uns selber umgehen; welche Entscheidungen wir treffen; mit welchen Inhalten wir unser Leben füllen. Denn wir können und werden nur das an unsere uns anvertrauten Kinder weitergeben, was in uns drin ist, womit wir „voll“ sind – Gutes wie Schlechtes.

Es gäbe sehr viel dazu zu schreiben. Für heute soll es reichen, uns wieder einmal dazu zu ermutigen, in vielen kleinen Situationen unseren Kindern die Leitung und Orientierung zu geben, die sie zum „Ziel Mama“ bringen – Orte, an denen sie sich sicher fühlen, an denen sie sich entwickeln können, an denen sie gestärkt werden, Vertrauen aufbauen und sein dürfen, wie sie sind.

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Fundament ohne Boden

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